INFORMATION   CAFÉ   AUSSTELLUNG   VERANSTALTUNGEN   HELENE WEIGEL KONTAKT  

HELENE-WEIGEL-HAUS







CAFÉ & KULTUR

Dorfstraße 16

18556 Putgarten/ Rügen

Tel: 038391/ 431007
Bertolt Brecht

Über eine große Schauspielerin unserer Generation

 

Beschreibe sie!

Sie ist von kleinem Wuchs, ebenmäßig und kräftig. Ihr Kopf ist grob und wohlgeformt. Ihr Gesicht schmal, weich, mit hoher, etwas gebogener Stirn und kräftigen Lippen. Ihre Stimme ist voll und dunkel und auch in der Schärfe und im Schrei angenehm. Ihre Bewegungen sind bestimmt und weich.

Wie ist ihr Charakter?

Sie ist gutartig, schroff, mutig und zuverlässig. Sie ist unbeliebt.

 

Aus: Dialog über Schauspielkunst (1929)

Die Schauspielerin Helene Weigel (1900 - 1971)

 

Helene Weigel, gebürtige Wienerin, wurde mit 19 Jahren Schauspielerin und trat ihr erstes Engagement am Neuen Theater in Frankfurt an. „Angefangen als Schauspielerin hab ich ja sehr früh. Es war eigentlich so ein Platzen von Talent und Kraft, eine Art Wahrhaftigkeit, die damals ohne Zweifel durchbrach...“

Drei Jahre später wechselte sie nach Berlin und traf Bertolt Brecht. Es wurde eine große, intensive und äußerst schwierige Liebes- und Arbeitsbeziehung, die erst mit Brechts Tod endete. Im Jahr ihres Sichkennenlernens 1923 notierte Bertolt Brecht ein Gefühl, das er Helene Weigel in streng sachlicher Form auf einem Billett mitteilte:

1

Zweite Hälfte Dezember

Starke Langeweile

90% Nikotin

10 % Grammophon

Offensichtlicher Mangel an Büchern

Jahresende:

Auf nach Mahagonny

Bevorzugt!

 

2

H W

(zu deutsch:

Havary)

 

Im Berlin der 20er Jahre stellte sich für die Weigel der große Erfolg ein. 1925 spielte sie am Renaissance-Theater die Klara in Hebbels „Maria Magdalene“ und riss die Kritik zu Superlativen hin, zur Berliner Erstaufführung von Brechts „Mann ist Mann“ 1928 in der Volksbühne am Bülowplatz erklärte man sie als Leokadja Begbick zum Ereignis des Abends schlechthin. Sie arbeitete für den Rundfunk und den Film, so in Fritz Langs legendärem „Metropolis“. Die Rolle der Pelagea Wlassowa in „Die Mutter“ von Brecht nach Gorki war 1932 ihr letzter großer Auftritt auf einer deutschen Bühne.

Im Februar 1933 zwangen die politischen Verhältnisse das Ehepaar Helene Weigel und Bertolt Brecht mit ihren Kindern Stefan und Barbara ins Exil; Stationen ihrer Emigration waren Österreich, die Schweiz, Dänemark (ein Fischerhaus nahe Svendborg), Schweden (Lidingö) und Finnland, und zuletzt gelang über die Sowjetunion die Ausreise in die Vereinigten Staaten, nach Santa Monica. Erst zwei Jahre nach Kriegsende kehrten sie nach Europa zurück.Im Stadttheater von Chur, Graubünden, hatte Helene Weigel ihren ersten Auftritt auf einer Theaterbühne seit 1938 - sie spielte die Titelrolle in der von Hölderlin übertragenen „Antigone“ des Sophokles in der Bearbeitung und Regie ihres Mannes Bertolt Brecht. Sie war 48 Jahre alt und spielte die Tragödin hochstilisiert und zeitlos.

Im Herbst 1948 begann in Berlin die Probenarbeit von „Mutter Courage und ihre Kinder“, die Inszenierung wurde in Ost und West als größtes Theaterereignis seit 1945 in Deutschland gefeiert. Mit der Darstellung der Figur der Anna Vierling setzte sich Helene Weigel ein Denkmal hinsichtlich der von Brecht formulierten Entfremdung im epischen Theater: Sie zeigte eine Frau, die im großen Kriegsgeschäft ihr kleines zu machen versucht. Mit Rigorosität und „Kühnheit“ (Brecht) zog sie ihren Wagen singend über die Bühne in ihre eigene Katastrophe.

Zur Premiere schrieb Bertolt Brecht:

 

Und jetzt trete in der leichten Weise

Auf der Trümmerstadt alte Bühne

Voll der Geduld und auch unerbittlich

Das Richtige zeigend

 

Das Törichte mit Weisheit

Den Haß mit Freundlichkeit

Am gestürzten Haus

Die falsche Bauformel

 

Aber den Unbelehrbaren zeige

Mit kleiner Hoffnung

Dein gutes Gesicht.

(zum 11.1.1949)

 

Ihre berühmtesten Rollen neben den erwähnten sind Frau Carrar in „Die Gewehre der Frau Carrar“, die Gouverneursfrau Natella Abaschwili im „Kaukasischen Kreidekreis“, die jüdische Frau in „Furcht und Elend des Dritten Reiches“, Martha Flinz in der Komödie „Frau Flinz“ und die Volumnia im „Coriolan“.

„Aus dem Wort ‚Schauspieler‘ geht hervor, dass man etwas zur Schau stellt. Da nützt mir das Seelenleben ganz wenig, wenn ich es nicht ausstellen kann... Ich suche nach äußeren Kennzeichen, nach einem sichtbaren Ausdruck... Ich befolge keinen speziellen Stil. Zuerst sammle ich, was mir für eine Figur einfällt, dann treffe ich aber eine Auswahl. Man muss eleminieren, was zu viel ist; es dürfen nur große Punkte kommen. Durch eine Häufung von Einzelheiten kann man eine Figur kaputtschlagen. Bei der Courage musste ich sehr Acht geben. Da war mir so viel eingefallen. Ich habe vieles gestrichen, damit keine Unruhe aufkommen konnte...“

1949 gründeten Brecht und Weigel das Berliner Ensemble, deren Intendantin Helene Weigel wurde. Brecht nannte sie die „Allerweltskümmerin“: Sie engagierte neue Mitarbeiter, organisierte die Versorgung des Theaters mit betriebsnotwendigen Dingen (Lebensmittel, Kohlen, Medikamente, Wohnungen und Möbel für Mitarbeiter), sie ermutigte, schlichtete, stellte sich stur und regte an. 1954 bezog das Berliner Ensemble endlich seine eigene ständige Spielstätte: das Theater am Schiffbauerdamm. 1955 kaufte sie für sich und Brecht das Haus in Putgarten - es sollte ihr Feriendomizil sein - , das sie nach seinem frühen Tod den Theaterkollegen überließ.

„Ich kümmere mich im Berliner Ensemble um jeden Dreck. Das ist selbstverständlich... Von Anfang an habe ich mich um die Einrichtung unseres Theaters gekümmert...diese ganzen Möbel habe ich alle herbeigeschleift. Auch die Kantine ist meine Erfindung. Die Tische sind von mir entworfen, auch die eisernen Lampen. Die Tische haben wir machen lassen, und ich muss immer wieder darum kämpfen, dass sie sauber gehalten werden... Brecht hat mir die Theaterleitung übertragen, weil er diese Arbeiten nicht machen wollte. In den vielen Jahren, die wir zusammengelebt hatten, musste er gesehen haben, dass ich ein wirkliches Organisationstalent habe...Als wir dann für das Theater einen Intendanten suchten, sagte er: Das kannst du. Da habe ich gesagt: Na schön!“

Nach Bertolt Brechts Tod im August 1956 führte die Weigel das Theater seinem Vermächtnis gemäß nach seinen Wünschen weiter. Sie stürzte sich neuerlich in eine große Lebensaufgabe, versuchte Methodik und Stil der Theaterarbeit Brechts zu wahren, und sie begann mit dem Aufbau des Brechtarchivs, das heute in der Berliner Chausseestraße, ihrem letzten Wohnsitz, beheimatet ist. Mit dem Berliner Ensemble gastierte sie weltweit und feierte außerordentliche Triumphe. Anlässlich des Gastspiels von „Coriolan“ 1965 bejubelte London das Berliner Ensemble als „beste Theatertruppe der Welt“. Am 3. April 1971 applaudierte das Publikum in Nanterre bei Paris dem Ensemble und seiner Protagonistin 30 Minuten zur Vorstellung von „Die Mutter“. Es war Helene Weigels letzter Auftritt. Sie starb am 6. Mai und wurde neben Bertolt Brecht auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin beerdigt.

Text: Ina Voigt

GBA, 28, 205

GBA, 15, 203

Werner Hecht, Interview mit Helene Weigel, Nov. 1969

Fotos: Vera Tenschert, mit freundlicher Genehmigung und Unterstützung der Akademie der Künste, Brecht-Archiv, Berlin

Impressum